Startseite
  Über...
  Archiv
  Einführung/Allgemeines
  Gästebuch
  Kontakt
 


 
Freunde
    kohpad-xamel
    - mehr Freunde


Links
   Für Yvonne
   Eigene Fotos


Webnews



http://myblog.de/aurora-borealis

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
2. Mai

Es war einmal eine kleine Weihnachtsgans, die reiste nach Russland, um dort freundliche Menschen zu besuchen und ein wenig unentgeltlich zu arbeiten. Allerdings musste sie feststellen, dass die freundlichen Menschen, sie nur ausschlachten wollten und die Arbeit sehr eintönig und ermüdend war. So oder wahlweise auch mit einer Kuh, die gemolken wird, kann sich meinen heutigen Tag vorstellen. Nachdem Anton mich gestern Abend noch kurz [sehr kurz] angeklingelt hatte und ich mir schon Sorgen gemacht habe, was denn sei, stellt sich heute heraus, dass er um 11 Uhr vorbeikommen will. Moment mal, sollte der nicht auf der Datsche sein? Komisch. Nach dem Frühstück ruft er wieder an und erklärt mir, dass er mir heute gerne beim Umzug helfen will. Ähm, der ist erst am Montag, das hatte ich in meiner SMS auch geschrieben und es war IMMER vom 4. Mai als meinem Umzugstag die Rede. Nun, das verwirrt den guten Anton [und die gesamte Familie], der dachte, ich wäre heute schon fein weg, zumal ihre Gäste ja schon am Montag kommen. [Na GANZ toll!!] Ob ich denn nicht wenigstens morgen schon umziehen könnte? Nein, denn Benedikt ist bis morgen Abend noch in Moskau und hat zwei Freunde zu Besuch, was auch der Grund ist, warum ich erst am Montag einziehen kann. [Na, wer hat denn da am letzten Samstag nicht zugehört?] Anton weißt mich auch noch daraufhin, dass die 500 Euro [was ja schon 150 Euro mehr sind als die anderen in der Regel für Unterkunft und Essen zahlen] ja nur für 28 Tage gelten und ich ja jetzt schon länger da bin. Hallo? Hab ich mich gerade verhört? Ich krieg so nen Hals [man möge sich die dazugehörige Geste vorstellen], weil ich das nicht sonderlich fair finde. Wenn hier pro Nacht abgerechnet wird wie im Hotel, dann möchte ich bitte auch einen Zimmerschlüssel und denselben Service wie im Hotel, was ich beides ja nicht bekomme. Genau aus diesem Grund wollte ich ja VORHER wissen wie viel sie für einen ganzen Monat haben wollen, hätte ich gewusst, dass das so ein Tanz wird, dann wäre ich ganz sicher nicht zu ihnen gekommen und meine Stimmung ist gerade so, dass ich es auch nicht wieder tun werde. Bei Geld hört hier eindeutig die Freundlichkeit auf und man wird zum Fleischer, der sich darauf freut, die kleine deutsche Weihnachtsgans auszunehmen. Was man unter anderem auch am Umgangston bemerkt. Ich erkläre Anton noch, dass ich mein Bestes tun werde um morgen aus dem Haus zu sein, dass ich aber nichts versprechen kann, danach gebe ich den Hörer wieder an Lida zurück. Hm, mir fällt Anna ein, wenn ich bei ihr übernachten könnte, müsste ich auch die Taschen nicht mehr so ewig weit schleppen. Doch bei Annas Gasteltern ist volles Haus, weil der Sohn mit Frau und Kind da ist, tendenziell also eher schlecht, aber sie meint, dass es zur Not gehen könnte. [Allerdings erreiche ich sie den restlichen Tag nicht mehr.] Ich versuche es bei Nadja, die ja gemeint hatte, dass ich für ein paar Tage bei ihr unterkommen könnte, aber sie ist nicht in der Stadt – verdammt. Das sind auch schon alle meine Optionen. Dann kommt auch noch Lida ins Zimmer und rechnet mir haarklein vor, dass bei 500 Euro für 28 Tage ein Tag rund 18 Euro kostet und ich, wenn ich dann morgen ganz in Ruhe ausziehe, ihnen noch rund 90 Euro schulde für die 5 Tage. Ich glaub langsam, dass es bei irgendwem hier ziemlich hackt und habe keine große Lust mich auch nur einen Tag länger hier noch aufzuhalten. Mehr als 5000 Rubel hätte sie gerne noch von mir, bevor ich dann spätestens morgen Abend bitte weg bin. Benedikt antwortet mir, dass das mit Sonntag Abend die Sachen unterstellen nicht klappen wird. Klar, WIR beide wussten ja, dass ich erst am 4. Mai einziehe! Gott, hört einem denn keiner mal ordentlich zu?! Beim Mittagessen, zu dem mich Lida mit den Worten „Willst du heute eigentlich nichts essen?!“ holt, erklärt sie mir, dass Anton jetzt doch noch zu Besuch kommt. Okay. Mir doch egal. Ich beginne nach dem Mittagessen meine Sachen zu packen um so schnell wie möglich hier weg zu können, wenn sich mir die Möglichkeit bietet. Ich weiß kaum wohin mit meiner Wut und Enttäuschung. So langsam habe ich das Gefühl, dass die Familie Anton fast schon gezielt auf mich angesetzt hat, damit ich mir keine Gedanken mache und bereitwillig doppelt so viel zahle wie alle anderen, weil sie doch SO lieb sind. An ein friedvolles Hausarbeitschreiben wie ich es eigentlich für dieses Wochenende geplant hatte, ist jetzt auch nicht mehr zu denken. Mein ganzer Kopf ist nur von einem Gedanken erfüllt – wie konntest du nur so doof sein und wieder hier herkommen?! Ich stecke mir meinen mp3-Player in die Ohren und drehe Nightwish auf, damit ich nichts mehr von dem Ganzen um mich herum hören muss. Mehr als ein „Privet!“ fällt nicht, als Anton und ich uns begegnen. Gut, er hat gesehen, dass ich da bin, wenn er keine Lust hat mit mir zu reden – bitte. Ich hab ihm ja sein Datschenwochenende ruiniert, weil er keine SMS lesen kann. Später ist auch noch seine Freundin da, aber mehr als ein „Privet“ muss ich mir bei ihr auch nicht geben. Man sagt, dass in Stresssituation der Mensch handelt wie ein Tier – Flucht oder Kampf und da ich des Kämpfens hier müde bin, denke ich nur noch an Flucht und will weg. Ich will weg und umarmt werden, etwas Sinnvolles tun, mit meinen Freunden reden können, ich will einfach wieder glücklich sein und von den Menschen in meinen Gedanken und Gefühlen verstanden werden und wenn schon nicht verstanden, dann möchte ich wenigstens, dass jemand darauf Rücksicht nimmt, wenn’s mir dreckig geht und nicht einfach darüber hinwegsieht und noch nicht einmal nachfragt. Wenn ich darüber nachdenke, wie schlecht es meiner Mama momentan gerade geht und dass sie sich nicht wie gewohnt um Oma kümmern kann, dann frage ich mich, warum ich diesen Scheißdreck hier eigentlich mache. Die Arbeit ist stinkelangweilig und bringt mir nichts für mein weiteres Leben [außer eben der Erfahrung darüber, was ich später auf gar keinen Fall machen will] und bei meiner Gastfamilie habe ich ja inzwischen schon seit mehreren Tagen das Gefühl mehr geduldet als gewollt zu sein. Zusammen mit dem furchtbaren Gefühl mit keinem wirklich reden zu können und dem Wissen, dass ich daheim sehr viel sinnvollere Dinge machen könnte, vor allem für meine Familie, aber auch für die Uni, ergibt sich ein Bild, dass ich jedes Flugticket nach Hause sofort mit Kusshand dankend nehmen würde. Lidas Gleichgültigkeit gegenüber meinem Gemütszustand zeigt sich auch wieder, als sie mich zum Tee trinken holt, worauf ich keine große Lust habe. Ich sitze mit verheultem Gesicht auf dem Bett und von ihr kommt noch nicht mal ein „Was ist denn mit dir?“, sondern nur die Anweisung, dass ich jetzt gefälligst zum Tee trinken kommen soll. Auch bei Tisch ist der versammelten Mannschaft offensichtlich sehr egal wie es mir geht, obwohl mein Gesicht von den Tränen noch nass ist. Nur Olga guckt mich ein bisschen verstört an, was aber auch der ganz normal abschätzige Blick sein könnte, den ich von blonden Schicki-Micki-Russinnen mit langen manikürten Fingernägeln und zugekleisterten Augen gewöhnt bin. Olga und ich sind optisch zwei gegensätzliche Pole, stoßen uns allerdings gegenseitig ab wie zwei gleiche. In diesem Leben werden wir sicher keine Freundinnen mehr [und im nächsten vermutlich auch nicht]. Es mag sein, dass ich ihr aufgrund meiner schlechten Grundstimmung heute Unrecht tue, aber wer mich kennt, weiß auch wie ich auf Tussis zu sprechen bin. Da ich Anna immer noch nicht erreichen kann, muss ich diese Nacht wohl auch noch hier nächtigen, ich hoffe aber, dass ich mich morgen sehr früh davon machen kann [vielleicht sind dann auch der Sohn mit Frau und Kind nicht mehr da bei Anna]. Anton macht sich dann irgendwann mit seiner Freundin ab ohne noch weiter „Tschüss“ zu sagen. Da fällt mir nur wieder Omas Spruch ein „Wer uns nicht will, der kriegt uns nicht.“ Gut, mag sein, dass ich ihm seinen Tag versaut habe, aber das ist trotzdem kein Grund sich so zu verhalten. Den Gedanken, dass ich mir mit ihm den Kitano-Film ansehe, verwerfe ich wieder und auch sonst denke ich nicht, dass ich mich nach meinem Auszug noch großartig melden werde. Am Ende muss ich auch für das Essen zahlen, wenn ich zu Besuch bin. Ja, es mag sein, dass die Eltern Budgetjobs haben und aufgrund der Krise wenig verdienen, aber das ist kein Grund für das meines Erachtens sehr geldgeile und rücksichtslose Verhalten, das vor allem Lida zeigt, als ob ich im Geld schwimmen würde. Ich denke auch nicht, dass sie mich verstehen würden, wenn ich ihnen sage wie enttäuscht ich von ihnen bin und dass ich mich ausgenommen fühle, weil ich viel mehr zahle als auch andere Russen angemessen finden. Heute bin ich das erste Mal wirklich sehr froh und dankbar als Sascha aus Moskau anruft, denn ich kann endlich jemandem sagen [und nicht nur schreiben] wie es mir geht. Auch er ist der Ansicht, dass das Verhalten der Familie nicht korrekt ist [wobei man mit seiner Einschätzung vorsichtig sein sollte, da er in einem solchen Falle immer meiner Meinung sein wird] und kann es gar nicht leiden, als ich aus Wut und Verzweiflung anfange zu weinen. Wir vertelefonieren fast sein gesamtes Guthaben auf der Simkarte, aber es tut einfach gut mit ihm über die Sache zu sprechen, auch wenn ich es auf Russisch machen muss und es mir schwer fällt die richtigen Worte für das zu finden, was ich gerade empfinde. Manche Dinge kann ich einfach nur auf Deutsch sagen. Da ich auch nach dem Telefonat immer noch keine Antwort von Anna bekommen habe, schreibe ich jetzt auch noch Linda und Nadja an [obwohl die eine selbst gerade Besuch hat und die anderen ja erst morgen wieder in der Stadt hat], aber ich weiß einfach nicht wohin, ich kann ja noch nicht mal im Institut schlafen. Ich hoffe inständig, dass ich von einer der dreien irgendeine Antwort bekomme, ansonsten steh ich morgen Abend auf der Straße.

 

4.5.09 16:21
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung